Menschen auf dem Abstellgleis melden sich zu Wort

Ordnungs- oder Verordnungsamt?

Ich war eigentlich immer der Meinung, daß - nach § 1 des GG die Würde des Menschen unantastbar ist. Aber wenn ich jeden Tag an der Hauptwache mitansehen muß, wie die Ordnungskräfte mit der Menschenwürde umgehen, frage ich mich: Wo beginnt der Paragraph und wo endet dieser?

Immer öfter gehen die Ordnungbeamten rabiat mit den Obdachlosen um. Sie behandeln sie wie "Großstadtschmutz". Die Beamten gehen in Lauerstellung und spekulieren darauf, daß Alkohol getrunken wird, so daß sie eingreifen dürfen, um die Leute ins Auto zu laden und außerhalb der Stadt zu fahren oder im Ostpark abzuladen. Ich frage mich: Wer gibt ihnen das Recht dazu? Wem gehört eigentlich die Hauptwache? Wenn die guten Bürger bei ihren Weinfesten in der Freßgaß Alkohol trinken, transportiert sie keiner ab. Dabei haben die doch ihre Wohnungen, um zu trinken. Die Obdachlosen haben diese Möglichkeit nicht. Provokation, Diskriminierung, Unterdrückung und Vertreibung sind an der Tagesordnung. Für mich ist es schlimm, mitansehen zu müssen, wie grob mit schwachen Menschen da umgegangen wird und man kann anscheinend nichts dagegen tun. Aus diesem Grund möchte ich darüber schreiben. Vielleicht hört ja doch diese Vertreibung auf. Ein Versuch ist es wert. Denn einiges läuft verkehrt in unserem Rechtsstaat.

Das Ordnungsamt nennt diese Maßnahmen "Säuberungsaktionen". Nun frage ich mich: Sind wir denn keine Menschen mehr" Sind wir Müll? Das gab es doch schon einmal in Deutschland, daß bestimmten Personenkreisen das Menschsein abgesprochen wurde.

A. Abstellgleis Nr. 19 - 1996

Schweigen

Im Schweigen des Raums,

in unendlicher Stille,

das "leere Echo".

Niemand um mich umher,

verachtetes Selbst,

die Angst des Schweigens,

die unendliche Unruhe der Seele,

verbundbarer als Heim

und Geschichte.

K.D.E. Abstellgleis Nr. 3 - 1988

 

 

 

 

 

 

Die Demokratie

Wo ist sie?

Wo ist sie geblieben?

Wer regiert hier?

Wir müssen feststellen:

Hier regieren Herr Hundt und Herr Henkel.

Wir erinnern uns nicht, sie gewählt zu haben.

Die Arbeitgeber haben die Macht ergriffen.

Die Banken saugen die Republik auf.

Die Regierung darf paar Kleinigkeiten regeln.

Die Regierung verwaltet den Mangel.

Und die Deutsche Bank will mit 350 Milliarden DM

das Wasser privatisieren.

Die Demokratie ist eine Frage des Geldes geworden.

Das Geld hat nicht der Staat,

das Geld hat die Industrie und die Banken.

Das Geld erdrückt die Demokratie und die Bürgerrechte.

Warum wird das Geld dieser Leute immer mehr?

Warum wird unseres immer weniger?

Geld verschwindet nicht.

Geld wechselt den Besitzer.

"Die Lohnnebenkosten senken",

"Einschnitte ins soziale Netz".

Das Volk wird:

ausgeraubt,

von der Geldaristokratie regiert.

Wo ist die Demokratie?

Wo ist sie geblieben?

U. Abstellgleis Nr. 26- Winter 1999/2000

 

 

 

 

Nazimentalitäten im Frankfurter Alltag

Zwei Bekannte gingen mit mir, von der Teestube Jona kommend, auf dem Bürgersteig, an der Südseite des Hauptbahnhofes, in Richtung B-Ebene. In Höhe des Einganges zum Bahnhof forderten drei Beamte des Bundesgrenzschutzes uns auf zu warten, da sie eine Personenkontrolle durchführen wollten. Wir gaben unsere Personalausweise ab. In diesem Moment kam eine Dame mittleren Alters an uns vorbei und äußerte sich folgendermaßen: "Richtig so! Die kosten doch nur unsere Steuergelder. Sperrt die doch gleich weg! Oder besser noch: Schmeißt sie in den Main!" Unser Ärgernis war groß und selbst die Beamten sagten, daß sie sich doch zurückhalten solle.

An einem sonnigen Nachmittag saß ich in der Bockenheimer Anlage auf einer Parkbank. Neben mir saß eine vornehm gekleidete, ältere Dame. Als ein paar Meter weiter eine offenbar obdachlose und geistig verwirrte ältere Frau auf der Wiese ihr "Geschäft" verrichtete, äußerte "Madam Vornehm" sich ganz entrüstet: "Die müßte man mit dem Feuerwehrschlauch abspritzen und in die Klapse stecken. Beim Adolf hätte es so was nicht gegeben." Auf diesen Spruch hin sagte ich verärgert: "Hier handelt es sich um einen Menschen und nicht um ein Stück Vieh!" Auch solle sie doch froh sein, daß sie nicht so arm dran ist. Die Dame, offenbar nicht mit dieser Reaktion rechnend, errötete, stand auf und ging wortlos, schnellen Schrittes davon.

W. Abstellgleis Nr. 23-1998

 

 

 

 

....ist das sozial? - wenn Frauen "Platte" machen

Diese Frage stelle ich mir tausendmal am Tag, wenn ich jeden Tag, an dem ich unterwegs bin, das sehe, was andere nicht sehen wollen.

Hier Beispiele von geballter Realität:

Das wird schon zum Problem, wenn man als Frau "Platte" machen muß (d.h.im Freien übernachten) und dann nur noch als Freiwild angesehen wird. Ausgebeutet in vielem: finanziell, sexuell etc. Es ist schon so hart und ungerecht genug, auch ohne allen weiteren Sozialabbau. Nur mit viel Kraft und Eigeninitiative habe ich es fast geschafft, wieder hoch zu kommen. Ich bin jetzt nach langem hin und her in einem Billig-Hotel untergebracht. Die ersten Schwierigkeiten sind aber auch hier schon da, wenn ich tagsüber Besuch bekomme, was verboten ist. Und ich habe viele Bekannte, und jetzt bei diesem kalten Wetter bin ich lieber in der Bude, als irgendwo in der Kälte rumzustehen, und nur darauf zu warten, bis man uns verscheucht, vom Ordnungsamt der Stadt, bzw. den neuen Hilfssheriffs. Da wird das Stadtkapital zum Fenster rausgeworfen. Aber die Sozialabgaben gekürzt und den Sozialhilfeempfängern mit gemeinütziger Arbeit gedroht. Der Verdienst dabei reicht noch nicht mal für Wäsche waschen, denn das kostet 7,- DM. Und wenn man Selbstverköstiger ist, haut es schon mal gar nicht hin.

Und nach getaner Arbeit? Wo gehe ich dann hin? Wo halte ich mich auf für den Rest des Tages? Auf der Straße? Dafür brauche ich nicht zu arbeiten! Doch wir werden es müssen: Keine Arbeit - kein Recht auf Sozialhilfe!

Ich würde es für besser halten, wenn zuerst mal was gegen die Wohnungsnot getan wird. Ich könnte es mir vorstellen, daß die Leute lieber arbeiten gehen, wenn sie wissen, für was und daß das Leben doch noch einen Sinn hat, um weiterzumachen.

(Eine Ex-Berberin) Abstellgleis Nr. 13 - 1993

Zweiklassengesellschaft auch in unseren Krankenhäusern?

Ein Besucher der Teestube hätte eigentlich schon vor einigen Wochen ins Krankenhaus gehen müssen. Er wollte nicht. Er fürchtete sich vor einer erniedrigenden Behandlung. Er lebt nämlich auf der Straße und sagt: "Leute wie mich sieht man nicht gern im Krankenhaus. Du wirst wie der letzte Dreck behandelt."

Schließlich bricht er vor dem Hauptbahnhof zusammen. Die Bahnpolizei ruft den Krankenwagen. Er hört, wie der Sanitäter die Uniklinik anfunkt und er hört auch deren Antwort: "Leute von der Straße nehmen wir nicht mehr auf. Im Sommer liegen sie auf der Wiese am Main und im Winter suchen sie bei uns nur ein warmes Bett." Seine Befürchtung über die Einschätzung von Seiten der Krankenhäuser findet er voll bestätigt. Das tut schon unheimlich weh, obwohl er schon einiges gewöhnt ist. Der Sanitäter funkt inzwischen weiter und bekommt schließlich von einer Klinik die Zusage. Dort wird er auch gut aufgenommen, behandelt und gepflegt. 4-6 Wochen müsse er im Krankenhaus bleiben, wird ihm gesagt.

Doch dann, ganz plötzlich, nach 14 Tagen, von einem Tag auf den anderen, wird ihm mitgeteilt: Er solle die Schuhe anziehen. Man müsse mit ihm Gehversuche machen; denn morgen werde er entlassen. Er versteht die Welt nicht mehr; denn noch einen Tag zuvor war ihm jeder Gehversuch als noch viel zu früh untersagt worden. Er merkt, daß man ihn nicht mehr will. Ist es nicht verständlich, daß er annimmt, daß man sein Bett braucht und ihn deshalb zu früh auf die Straße schickt? Er fragt sich, ob man mit einem anderen Mitbürger, der nicht auf der Straße lebt, auch so umgehen wurde, wie man es mit einem Obdachlosen glaubt tun zu können'

Es dauert nur einige Tage, bis auf der Straße seine Beine wieder anschwellen und er nur mit ganz großen Schmerzen gehen kann. Wahrscheinlich wird er nun erst recht nicht mehr in eine Klinik wollen, es sei denn ein erneuter Zusammenbruch zwingt ihn dazu.

P.S. Die Voraussage ist schon nach einigen Tagen eingetroffen. Wieder muß er von der Straße weg, mit dem Krankentransport, in die Klinik gebracht werden. Es rächt sich, daß er nicht bis zu Ende behandelt worden war. Er kommt in dasselbe Krankenhaus. Wird man den ersten Fehler nicht mehr wiederholen? Ein Obdachloser hat nun einmal nicht die Möglichkeit, zu Hause eine Nachbehandlung zu machen. Er kann sich auf der Straße nicht schonen. Weist man in Kliniken aber auf diesen Tatbestand hin, bekommt man zur Antwort: Krankenhäuser seien nicht dazu da, die sozialen Probleme unserer Gesellschaft zu lösen Aber kann man sie denn allein auf die Rücken der Betroffenen aufladen? Außerdem sind doch die Umstände der Gesundung sehr wohl ein Teil der medizinischen Aufgabe - oder?

S. und M. Abstellgleis Nr. 18 1996


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